Natürliche vs. Künstliche Intelligenz: Wird der Faktor Mensch von KI abgelöst?
Künstliche Intelligenz ist in unseren Unternehmensalltag eingezogen. Clever eingesetzt, unterstützt uns die Hochleistungstechnologie bei der komplexen Datenauswertung, der Prozessoptimierung und der Problemlösung. Doch kann KI den Menschen im Denken und im erfolgreichen Kundenbeziehungsmanagement ersetzen? Sind wir bald überflüssig?
Wir sprechen im Interview mit Dr. Henning Beck, Neurowissenschaftler und Autor, über Künstliche Intelligenz und ihre Grenzen wie Unterschiede im Vergleich zum menschlichen Denken und darüber, dass KI den Faktor Mensch für erfolgreiche Beziehungen nicht ablöst.
Das erwartet Sie in diesem Artikel
Gehirn und KI im Vergleich – wie sind die jeweiligen Funktionsweisen?
Wo liegen die Stärken und Schwächen von KI und dem menschlichen Denken?
Wie sieht eine gehirngerechte Arbeitswelt aus?
Die leistungsfähigsten Unternehmen sind auf Effektivität optimiert, warum?
Wie wirkt sich KI auf das Beziehungsmanagement und die Customer Experience aus?
Gehirn und KI im Vergleich – wie sind die jeweiligen Funktionsweisen?
Der Mensch denkt vom Ende her. KI macht das Gegenteil. In unserem Denken durchlaufen wir die Schritte des Inputs, der Verarbeitung und des Outputs nicht chronologisch, wie KI das tut. Nein, wir agieren mit der Umwelt und gestalten den Output bereits im Verarbeitungsprozess. Denn bevor wir Sachen verstehen, haben wir bereits ein Ziel und einen Willen Etwas zu tun. Ein einfaches Beispiel ist die Spracherzeugung. Aktuelle Chatbots wie ChatGPT bilden einen Satz, indem sie Schritt für Schritt das statistisch plausibelste Wort berechnen, das auf ein gegebenes Wort folgen soll. Menschen machen das aber gerade nicht. Bevor wir anfangen zu sprechen, haben wir die Idee und das Ende des Satzes schon vor dem geistigen Auge. Sprache ist quasi der Retrofit für einen Gedanken, den wir längst gefasst haben. Der umgekehrte Fall, dass eine Absicht entsteht, nur weil Informationen statistisch optimiert verarbeitet werden, ist wissenschaftlich nicht belegbar, sondern bloßer Glaube, eine Technik-Religion. Daher ist die Annahme, dass die aktuelle KI-Technologie irgendwann selbstständig agiert, abwegig.
Hinzu kommt: Der Mensch versteht Zusammenhänge und wie Dinge funktionieren, warum und wofür etwas ist und wozu man Sachen einsetzen kann. Beispiel: Wir verstehen, dass die Erde warm wird, weil die Sonne auf sie scheint, indem wir mental simulieren, die Sonne zu sein, die die Erde erwärmt. Wir bauen uns permanent solche kausalen Weltmodelle auf und können dadurch Ursache und Wirkung erkennen. Eine statistische Analyse reicht nicht, um Ursachen zu verstehen. Es wird schließlich nicht jedes Jahr Winter, weil die Zugvögel in den Süden fliegen.
KI hingegen ist letztendlich immer ein Optimierungsverfahren: Sie passt sich an einen Datensatz an, findet effiziente Wege, um einen Output zu erzeugen. Genau so ist Intelligenz definiert: Probleme, gleich welcher Art, immer effizienter, schneller und bei geringem Energieeinsatz zu lösen. KI macht das im Vergleich zum Menschen unschlagbar gut. Menschen sind hingegen nicht daran interessiert, sich an Datensätze anzupassen. Um unsere Zielsetzung zu erreichen, hinterfragen wir Dinge, brechen Regeln und machen Fehler – und das ist gut so. Menschliches Denken ist nämlich weit mehr als intelligent: Es ist die Quelle unserer Kreativität, unserer Empathie, unserer Neugier und Innovationen.
Wo liegen die Stärken und Schwächen von KI und dem menschlichen Denken?
Die große Schwäche des menschlichen Denkens ist, dass wir alles in unserer Umgebung personifizieren und auf Nützlichkeit prüfen. Uns fehlt der objektive Zugang zur Welt, denn durch unsere Brille verzerren und verfälschen wir. Dabei ist es egal, wie objektiv die Datenlage ist. Uns geht es immer um einen persönlichen Vorteil.
Wenn die Aufgabe jedoch darin besteht, viele Daten objektiv, fehlerfrei auszuwerten und zu optimieren, ist uns Künstliche Intelligenz stark überlegen. In Bereichen, in denen es jedoch keine messbaren Zahlen oder keine große, stabile Datenbasis gibt, sind wir der Künstlichen Intelligenz weit voraus. Darunter fallen nicht quantifizierbare Dinge, wie Ideen, Wissen, Glück, Zuversicht, Hoffnung, Sicherheit und Freiheit. Interessanterweise leben wir gerade in einem Zeitalter der numerischen Zwangsquantifizierung, in dem auch der letzte Rest des menschlichen Lebens mess- und damit monetarisierbar gemacht werden soll. Vom Toiletten-Gang bis zum digitalen Geschäftsmodell – alles wird bewertet. Likes, Klicks, Shares: Wir versuchen menschliches Verhalten in Kennzahlen und Größen zu überführen, um diese für unseren Erfolg auszuwerten, zu optimieren und damit Geld zu verdienen. Doch die wirklich wichtigen Dinge in unserem Leben sind nie im Internet gelandet, nicht aufgeschrieben oder ausgesprochen worden. Eine Welt ohne Daten, die KI niemals gesehen hat. Eine Welt, die der Digitalisierung verschlossen bleibt. Schlussendlich ist die Stärke von KI die Analyse und Verarbeitung messbarer Zahlen und großen Datenmengen. Ihre Schwäche liegt ganz klar darin, dass sie ohne Daten nutzlos ist. Menschliches Denken ist hingegen dann stark, wenn es keine objektiven Kennzahlen zu messen gibt: bei Ideen, Innovationen, Vertrauen oder Zufriedenheit. Bei der fehlerfreien Verarbeitung von Datenmengen scheitern wir.
Mit Fehler assoziieren wir Negatives, doch warum sind diese nützlich?
Menschen lernen am schnellsten, wenn sie Fehler machen dürfen und diese selbst erkennen. Dabei ist es wichtig, zu hinterfragen, wann ich einen Fehler machen kann und was ich daraus lerne. Wenn man von Anfang an jeden Fehler vermeiden und alle Regeln stets optimieren will, dann wird man die Welt nie verstehen oder sich (weiter)entwickeln können. Nur wenn wir Regeln brechen, Grenzen überschreiten und neues Terrain betreten, können wir kreativ sein, Innovationen gestalten und den Fortschritt vorantreiben. Eine perfekte Welt ist langweilig und das Ende allen Fortschritts: Wohin soll man sich noch hin entwickeln wenn bereits alles optimiert ist? Die Freiheit, Fehler machen zu können, sorgt für Anpassungsfähigkeit gegenüber neuen Herausforderungen.
Wie sieht eine gehirngerechte Arbeitswelt aus?
Das menschliche Gehirn ist kein Computer, den ich mit mir rumschleppe und nach Bedarf an- und ausschalte. Je nach Umfeld denken wir unterschiedlich gut. Neben dem Freiraum für Fehler ist ein Dreiklang aus Konzentration, Austauschmöglichkeiten und Ruhephasen für eine gehirngerechte Arbeitswelt relevant. Der Mensch braucht einen motivierenden Arbeitsplatz, wo er fokussiert und ungestört arbeiten, sich anschließend mit anderen Personen im Unternehmen austauschen und schließlich seine Energiereserven aufladen kann. Motivation entsteht, wenn wir am Ende sehen, was wir geleistet haben. Denn die größte Bestätigung für uns Menschen ist die Wertschätzung unserer Arbeit und das positive Ergebnis unseres Tuns.